Das Epitaph des Stadtschreibers Nesen von 1571

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Das Epitaph (Totengedenktafel) für den Stadtschreiber Andres Nesen ist für Rathenow von besondere Bedeutung, weil oben die älteste Stadtansicht von Rathenow um 1571 zu erkennen ist. Die Totengedenktafel befindet sich in der Sankt-Marien-Andreas-Kirche und hat die Zerstörung im Zweiten Weltkrieg nur überstanden, weil Pfarrer Ernst Detert beherzt den Böhmischen Marienaltar, das Altarbild "Simeon mit dem Kinde", das Epitaph für den Stadtschreiber Nesen und das Gemälde "Christus vor dem Hohen Rat" im Turm einmauern ließ. Der Superintendent Georg Heimerdinger hatte sich darum nicht gekümmert, war aber damit einverstanden.

Unterer Teil

Im unteren Teil des Epitaphs ist Jesus Christus abgebildet, der den Tod überwunden hat und links neben ihm steht der Stadtschreiber Andres Nesen. Ein Stadtschreiber war im Mittelalter eine Amtsperson, denn alles musste von ihm beurkundet werden. Er hatte die Funktion eines Notars, was ihm viel Geld einbrachte.Auf der rechten Seite des unteren Teils ist seine erste Frau nit zwei Kindern abgebildet. Sie trägt ein rotes Kreuz als Zeichen, dass sie verstorben ist und dann erfolgt die Abbildung der Witwe Anna mit ihren Kindern. Sie hatte als zweite Ehefrau das Epitaph in Auftrag gegeben.

Mittelteil

Im mittleren Teil des Bildes ist das Gleichnis vom Barmherzigen Samariter dargestellt. Im Lukasevangelium heißt es im 10. Kapitel

Der barmherzige Samariter als Beispiel: 10,25–37

25 Und siehe, ein Gesetzeslehrer stand auf, um Jesus auf die Probe zu stellen, und fragte ihn: Meister, was muss ich tun, um das ewige Leben zu erben?

26 Jesus sagte zu ihm: Was steht im Gesetz geschrieben? Was liest du?

27 Er antwortete: Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben mit deinem ganzen Herzen und deiner ganzen Seele, mit deiner ganzen Kraft und deinem ganzen Denken, und deinen Nächsten wie dich selbst.

28 Jesus sagte zu ihm: Du hast richtig geantwortet. Handle danach und du wirst leben!

29 Der Gesetzeslehrer wollte sich rechtfertigen und sagte zu Jesus: Und wer ist mein Nächster?

30 Darauf antwortete ihm Jesus: Ein Mann ging von Jerusalem nach Jericho hinab und wurde von Räubern überfallen. Sie plünderten ihn aus und schlugen ihn nieder; dann gingen sie weg und ließen ihn halbtot liegen.

31 Zufällig kam ein Priester denselben Weg herab; er sah ihn und ging vorüber.

32 Ebenso kam auch ein Levit zu der Stelle; er sah ihn und ging vorüber.

33 Ein Samariter aber, der auf der Reise war, kam zu ihm; er sah ihn und hatte Mitleid,

34 ging zu ihm hin, goss Öl und Wein auf seine Wunden und verband sie. Dann hob er ihn auf sein eigenes Reittier, brachte ihn zu einer Herberge und sorgte für ihn.

35 Und am nächsten Tag holte er zwei Denare hervor, gab sie dem Wirt und sagte: Sorge für ihn, und wenn du mehr für ihn brauchst, werde ich es dir bezahlen, wenn ich wiederkomme.

36 Wer von diesen dreien meinst du, ist dem der Nächste geworden, der von den Räubern überfallen wurde?

37 Der Gesetzeslehrer antwortete: Der barmherzig an ihm gehandelt hat. Da sagte Jesus zu ihm: Dann geh und handle du genauso!

 

So steht die Geschichte  in der Bibel und das Epitaph zeigt Jesus mit seinen Jüngern mit Heiligenschein und den Pharisäer, der ihm die Frage stellt. Jesus hat einen Heiligenschein und die drei Jünger, die ihn umgeben ebenso, wenn auch der Strahlenkranz im Heiligenschein bei den Jüngern fehlt. Sie stehen auf einem Weg voller Blumen. Es könnte auch ein Teppich sein. Die Pharisäer waren Schriftgelehrte und meist sehr fromm. Sie versuchten, die Gesetze des Judentum nach Möglichkeit streng zu befolgen.

Als Samariter bezeichnet man die Bewohner des mittelpalästinischen Berglandes in und um die Stadt Samaria. Zur Zeit von Jesus galten die Samariter bei den Juden als Irrgläubige. Sie und ihr Land wurden von den Frommen verachtet und gemieden. Jesus dagegen ist den Samaritern nicht ausgewichen. Nach dem Lukasevangelium ist er auf dem Weg von Galiläa nach Jerusalem mitten durch das Gebiet der Samariter gezogen und hat die Begegnung mit Samaritern nicht gescheut. Die Erzählung vom barmherzigen Samariter hält allen Frommen vor Augen, dass auch die, von denen man es nicht erwartet, beispielhafte Nächstenliebe zeigen können. Noch heute gibt es eine kleine Glaubensgemeinschaft von Samaritern. Die Geschichte von Samarien weiß, dass die Assyrier 722 vor Christus das Land erobert hatten und es unter dem Namen Provinz Samarien verwalteten. Die Oberschicht der Israeliten wurde nach Assyrien (Babylon) gebracht und durch fremde Völker aus anderen unterworfenen Ländern ersetzt. So gab es in dem Land eine Mischbevölkerung aus Juden und Menschen, die die Götter ihrer Herkunfsländer anbeteten. Als die Juden aus der babylonischen Gefangenschaft nach Isreal zurückkehrten und den Tempel in Jerusalem wiederaufbauten, wurden die Juden in Samaria nicht als Israliten anerkannt und ihre Mithilfe zurückgewisen. Als Esra und Nehemia 440 vor Christus Mischehen der Priester mit Nicht-Israeliten verboten, gingen etliche Priester nach Samarien und gründeten dort auf dem Berg Garizim ein eigenes Heiligtum, was zur endgültigen Spaltung der Juden um den Tempel in Jersulaem führte. Die Juden in Samarien warfen den zurückgekehrten Juden aus dem Babylonischen Exil vor, vom rechten Glauben abgekommen zu sein. Die Juden in Samarien sahen sich als Bewahrer der alten Glaubensvorschriften an.

Als Jesus seine Geschichte erzählt hat, muss der Pharisäer erkennen, dass es nicht immer die tiefgläubigen Menschen sind, die sich barmherzig zeigen, sondern auch Menschen, die man verachtet und von denen man nichts hält. Jesus hält ihm sein eignens Spiegelbild vor, denn der Schriftgelehrte  ghört auch zur Oberschicht wie die Priester und Leviten. Heute wäre jede Kirchengemeinde froh, wenn sie recht viele Pharisäer (Schriftgelehrte) in ihrer Gemeinde hätte.

Oberteil

Im oberen Teil ist die älteste Stadtansich von Rathenow 1571 abgebildet. Man sieht die intakte Stadtmauer mit den Türmen. Die Kirche hat noch eine ganz andere Form. Sie ist zwar schon gewaltig, hat aber noch eine Art Wehrturm wie im Dom zu Havelberg. Die Stadt ist von einem Fluß umgeben, wo reger Schiffverkehr herrscht. Ein Zöllner mit dem Klinglbeutel ist im Vordergrnd abgebildet. Zur Stadt Rathenow hin führt eine mehrbogige gemauerte Brücke. Die Brücke führt direkt zu dem Gasthaus, wo der Samariter seinen Schützling in Pflege gibt. Das Gasthaus ist im Gegesatz zu den Fachwerkhäusern aus hellem Stein. Ob es wirklich so ein Gasthaus vor den Stadtmauern aus roten Zieglen gegeben hat, ist fraglich. Der Samariter, sein Maultier und der Verletzte werden im Epitaph dreimal dargestellt. Vor dem Wirtshaus kommt noch der Wirt dazu, nachdem er den Verletzten beherbergt hat und der Samariter weiterreist. Am anderen Ufer des Flusses sind Häuser zu sehen und ein Bergmassiv und eine riesige Wolkenlandschaft. Vögel fliegen über dem Fluß. Ganz links sind auch die drei Räuber zu sehen die den Wanderer überfallen haben.

Der Rahmen

Der Rahmen des Epitaphs  ist in zwei Teile untergliedert. Der untere Holzreahmen ist schlicht und weist auf die Familie des Stadtschreibers hin. Der obere Teil enthält noch einen gemalten Zierrahmen mit einem Totenkopf mit zwei Engeln in der Mitte des oberen Abschnittes und an den Seiten sieht man

 

 

Die Inschriften bestehen aus zwei unterschiedlichen Texten. In der Mitte steht eine lateinischer Text. Der lautet: „Luc X (Lucas 10): Es gehen am niedergeschlagenen Menschen vorüber der Levit, der Priester; als sich ein Heide einfindet, tut der das barmherzige Werk.“

An den Seiten sind in deutsch folgende Inschrifen angebracht:

Rechts steht:

Beiden Priestern und Leviten wirds übel ergehn,

Auch allen Heuchlern die nicht absten.

Links steht:

Es neme sein Sünde ein jeder in acht.
Erwarte des Samariters tag und nacht.

 

Bearbetung noch ncht abgeschlossen

 

Copyright: Dr. Heinz-Walter Knackmuß, 27.07.2019

 

 

 

Vortrag von apl. Prof. Dr. Gudrun Gleba am 27.07.2019
in der Sankt-Marien-Andreas-Kirche

Das Epitaph (Totengedenktafel) des Stadtschreibers Nesen 1571
(27.07.2019)

 

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Das Epitaph (Totengedenktafel) für den Stadtschreiber Nesen von 1571

Apl. Prof. Gudrun Gleba lockte am 27.07.2019 trotz einer tropischen Hitze von 30 ° C in Rathenow viele Menschen von den Badeseen in die Sankt-Marien-Andreas-Kirche, wo sie das Kunstwerk im Gedenken an den Stadtschreiber Nesen von 1571 als Historikerin erklärte. Als Auftakt zu dem wissenschaftlichen Vortrag spielte Nora Kelschebach zwei Stücke auf der Alt-Blockflöte von Johann Sebastian Bach.

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Nora Kelschebach - Alt-Blockflöte
Video

 

Die apl. Professorin Dr. Gudrun Gleba setzt ihre sommerliche Vortragsreihe zu besonderen Schätzen von Sankt-Marien-Andreas in Rathenow im Rahmen ihres Zyklus „Dreiklang – Kunst und Kultur in der Kirche“ mit der Frage: „Heiliger Samariter oder unheiliger Selbstdarsteller?“ fort. Der wohlhabende Stadtschreiber Andreas Nesen und seine zweite Frau Anna Hansen haben wohl schon zu Lebzeiten mit dem Künstler besprochen, wie sie sich die Gedenktafel dachten.  Der Maler des Epitaphs ist unbekannt.

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apl.Prof. Dr. Gudrun Gleba vor dem Epitaph
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Ganz unten ist der Stadtschreiber und seine Familie abgebildet, rechts die Frauen und links die Männer. Der Stadtschreiber steht mit einem Pelz seinen Frauen gegenüber. Die Verstorbenen tragen ein rotes Kreuz in den Händen. Die Darstellung des Stadtschreibers Andreas Nesen und seiner Familie setzt sich deutlich von mittelalterlichen Darstellungen ab. Das schlichte Schwarz, was die Kleidung prägt, soll für Demut stehen. In der Mitte steht Jesus als Auferstandener. Er hat er den Tod überwunden und trägt die Siegesfahne in der linken Hand und segnet die Menschen. Er hat die Welt besiegt. Als Symbole dafür werden unter seinen Füßen der Reichsapfel und ein Totenkopf dargestellt. Wir befinden uns in der Zeit nach der Reformation. Vor der Reformation gab es die Mutter Gottes, die Apostel und die vielen Heiligen, die als Fürsprecher bei Gott galten. Die vielen Werke der Barmherzigkeit wurden nach dem Tode auf eine Waage gelegt und führten entweder ins Paradies oder zur ewigen Verdammnis. Wer eine Pilgerfahrt nach Bad Wilsnack unternahm, bekam 40 Tage Fegefeuer erlassen. Nach der Reformation hieß es: Nur durch die Schrift, nur durch Gnade und nur durch den Glauben kann der Mensch auf die Erlösung hoffen. Der Einzelne steht nun allein vor Gott ohne Fürsprecher. Der Maler schreibt auf der Kartusche, was er abbildet. Es geht um eine Geschichte eines Menschen, der anderen in Not hilft. Der Evangelist Lukas schreibt im 10. Kapitel, wie ein Samariter einem ausgeraubten und halb tot geschlagenen Menschen hilft, ihm die Wunden verbindet und ihn auf seinem Pferd in eine Herberge bringt. Ein Priester und ein Levit lassen den um Hilfe Schreienden einfach liegen und gehen weiter, nur der Mann aus Samaria hat Mitleid und hilft ihm. Der Samariter ist so für die meisten Menschen zum Synonym eines Ersthelfers geworden.

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apl.Prof. Dr. Gudrun Gleba vor dem Epitaph
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Dreimal werden der Samariter und sein Pferd und sein Hund vom Maler auf die Gedenktafel gebracht. Die Herberge ist in der Stadt Rathenow und man findet eine eng bebaute von einer Stadtmauer und Türmen gesichertes Häusermeer mit der Sankt-Marien-Andreas-Kirche und mit vielen Fachwerkbauten. Und im Vordergrund Boote auf der Havel ein Fischer mit Ruder und Kescher. Uber dem Fluss fliegen die Wildgänse und am südlichen Ufer ein Gebirge und ein mächtiges Gewölk. Und mit dem Gebirge sind wir wieder bei der Geschichte, die Jesus vom Barmherzigen Samariter erzählt und die so beginnt:“ Es war ein Mensch, der ging von Jerusalem hinab nach Jerichow und fiel unter die Mörder.“ Und wer selbst einmal den Weg von Jerusalem nach Jerichow besucht hat, findet auch heute noch eine schrecklich zerklüftete Landschaft, die schon bei Tag Angst einflößt. Die Räuber sieht man im Epitaph auch. Sie sehen recht bürgerlich aus, mehr wie Jäger und verstecken sich im Wald. Eine Girlande mit Totenkopf und zwei Putten im oberen Teil des Epitaphs gibt noch einmal Bezüge zum Mittelalter. Die Korallenperlen eines Rosenkranzes führen von einer Amphore zu einer Teufelsfratze. Bleibt zum Schluss die Frage offen, ob es sich um den Heiligen Samariter handelt oder um einen unheiligen Selbstdarsteller. Diese Frage konnte nicht geklärt werden. Vielleicht war der Stadtschreiber Nesen und seine Familie ein Wohltäter der Stadt. Aber das wissen wir nicht. Klar ist, dass er für sich wohl schon das Gleichnis vom Barmherzigen Samariter als Leitfaden im Leben angesehen hat. Und da bekommt das Epitaph einen ganz aktuellen Bezug, wenn wir an die Flüchtlinge und Asylanten in unserem Land denken. Es ist das älteste Kunstwerk in der Stadt Rathenow und die vielen Fragen nach dem Vortrag zeigten das Interesse der Besucher an der Geschichte der Stadt Rathenow und ihren Menschen. Sie spendeten die Säulensteine Nr. 13650 -13661 für den Wiederaufbau der Kreuzgewölbe im Chorraum.

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Das Publikum
Prof. Hans Müller aus Berlin

 

Der Förderkreis bedankt sich bei Prof. Dr. Gudrun Gleba für die wissenschaftliche Aufarbeitung des Kunstwerkes und den vielen neuen Erkenntnissen über das Epitaph. Eine Historikerin sieht andere Zusammenhänge als der unbefangene Betrachter. Die Rathenower freuen sich schon auf den letzten Vortrag im Zyklus Dreiklang, der am 28.09.2019 um 16:00 Uhr das Gemälde „Christus vor dem Hohen Rat“ erläutern wird, das insofern von besonderem Interesse ist, weil hier die Mitglieder des Rathenower Magistrats abgebildet wurden. Der Magistrat hatte das Angebot des Malers für dieses Gemälde zunächst abgelehnt. Erst als er versprach, alle Ratsmitglieder darauf abzubilden, stimmte man dem Auftrag zu.

 

Dr. Heinz-Walter Knackmuß, 27.07.2019