Aufzeichnungen des Kirchendieners Franz Liebrenz -25.05.2019

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                                              Franz Liebrenz (rechts) mit seiner Frau Elise

Liebrenz; geborene Könneke und
den zwei Söhnen Erich (links) und Gerhard

 

Aufzeichnungen des Kirchendieners Franz Liebrenz über die Sankt-Marien-Andreas-Kirche

 

Aufzeichnungen von Franz Liebrenz (* 26.09.1890 in Rathenow – 30.20.1975 in Helmstedt)

Praktische Arbeit in der Kirche: Postwege, (Kirchendiener 1933-1945)

Taufen, Trauungen, Gottesdienste, Schmücken der Kirche

0,20 Pfennig Eintritt für Trauungen Zaungäste, die nicht zu den Gästen gehörten.

Die Friedhofskapelle hatte keine Glocken. Es wurde eine weiße Scheibe hochgezogen, wenn der Sarg herausgetragen wurde, und der Kirchendiener saß im Kirchplatz 17 und musste nach dem Zeichen die Glocken in der Sankt-Marien-Andreas-Kirche geläutet. Bei Nebel wurde nach 20 Minuten einfach so geläutet. Wenn der Sohn von der Schule kam, musste er täglich  die Uhr aufziehen. Als Gewichte wurden Granitblöcke benutzt. Der Heizkeller war Giebelseite Kirchplatz 17 und unter der Erde wurde warmes Wasser in die Kirche zu den Heizkörpern geleitet. Unter den Emporen waren Abstellräume für Staubsauger. Je eine Treppen gingen rechts und links zur Orgel. Unter den Treppen waren Butzen da waren Hocker für Heiligabend und Reinigungsmittel drin. Der Mittelläufer, roter Kokosläufer, wurde nur bei Hochzeiten ausgerollt. Der Läufer lag  sonst einfach im Turmbereich-Eingang. Es kamen mehr Besucher für den Kirchturm als für die Kirche.

 

Küster: Hatte die Beurkundungen  und führten Kirchenbücher

Daneben gab es die Kirchenkasse des Kirchenkreise Rathenow mit drei Angestellten, die den Haushalt der Kirchengemeinde verwaltete.

 

Gewicht der Glocken

Große Glocke Nr. 1: 2008 kg

Glocke            Nr. 2: 1139 kg

Glocke            Nr. 3:   803 kg

Glocke            Nr. 4:     89 kg

 

 

Erste Bauzeit etwa 1190:

Die erste Bauanlage  der  Pfarrkirche war eine kreuzförmige, spätromaische Basilika mit zwei halbrunden Absiden am Grundschiff und einem vermutlich quadaratischen Chor.

 

 

Erste Bauzeit etwa gegen 1190:

Die erste Bauanlage der Pfarrkirche war eine kreuzförmige spätromanische Basilika mit zwei halbrunden Absiden am Grundschiff und einem vermutlich quadratischen Chor mit Absis alles aus putzfreien Backsteinwerk. Im Westen stand vor dem Mittelschiff ein rechteckiger Backsteinturm (siehe die Baunähte an der Innenseite der Westmauer). Höhe des Turms 80 Fuß, die des Satteldaches 24 Fuß. Bei der Änderung des obersten Turmmauerwerks im Jahre 1727 soll sich bei Abbruch des Giebels nach  der Stadt zu in der alten Mauer noch ein Stein gefunden haben mit der tief eingegrabenen Jahreszahl 1108, die indessen einigermaßen rätselhaft ist.

Die zweite Bauzeit begann um die Mitte des 14. Jahrhunderts

1345 macht sich die inzwischen in Rathenow gebildete Kalandsbrüderschaft durch Ankauf von Gütern für die Kirche verdient. Die zwei angebauten Kapellen sind den Schutzheiligen der Kirche St. Maria und St. Andreas geweiht. Die Fenster waren dreiteilig und sind erst in unserer Zeit zweiteilig gemacht worden. Die  St. Andreaskapelle ist ein Nachklang frühgotischen Geistes, früher ein vielseitiges kleines Kuppelgewölbe von dem ringsum nur noch ein Ansatz vorhanden ist. 1907 ??? ist das Dach der Marienkapelle umgebaut worden.

Die dritte Bauzeit zog sich durch einen großen Teil des 16. Jahrhunderts

Schon seit 1503 hörte ???? man die Einnahmen durch Kollekte und Schenkungen. Als 1507 der Bau begonnen wurde, fehlte es immer noch an Geld. Man kam nur 10 Schichten über  dem Portal hinaus, dann war es wieder alle. Der Meister schnitzte seinen  Namen in einen Backstein, welche heute noch zu lesen ist:“Andreas Lindemann“. Der Stein befindet sich am westlichen Toreingang der Nordseite  in Manneshöhe. Die Schenkung des Rats von 39600 Steine ermöglichte 1531 einen größeren Schritt vorwärts. Erst 1562  verzeichnete die Kirchenrechnung die Vollendung der Gewölbe. Durch den unter so schwierigen Verhältnissen unternommenen Neubau des Langhauses wurden die Seitenschiffsmauern bis in Flucht der Romanischen Kreuzarme hinausgerückt.  An Stelle der Mittelschiffarkaden mit ihrem Obermaurern traten  die runden Säulen. 1709 wurde der Dachstuhl und die Turmspitze erneuert. Der Dachreiter wurde wegen Baufälligkeit abgetragen und nicht wieder hergestellt.

Vierte Bauzeit

Im Jahre 1727 wurde der Turm teilweise niedergelegt und darauf der Massivteil um  vier Fuß höher gebaut worden. In das Satteldach wurde ein quadratisches Glockenhaus von 20 Fuß Höhe eingeschaltet.  Im Jahre 1776 wurde das innere der Kirche neu verputzt und vom Bilderstaub gereinigt. Einige Fenster  wurden vergrößert, alle neu verglast. Das Gestühl und zwei Chöre angefertigt. Auch die Orgel wurde damals fast  ganz umgearbeitet und 1778 vollendet. 1779 bekam  der von den Tischlern Dautzmann und Kursten angefertigte Altar seiner Bestimmung angemessene Würde und Verzierung mit dem Gemälde von Rode.

Fünfte Bauzeit

Im Jahre 1816 musste der Turm wegen starker Risse verankert und abgesteift werden., 1818 und 1819 danach abgetragen werden. Im Jahre 1821 wurde zur Schaffung nötiger Unterlagen zum Neubau die Situation aufgemessen und Aufnahmezeichnungen von Stadtbaurat Perl hergestellt. Darauf stellte Schinkel einen Entwurf auf, der indessen als zu großartig nicht zur Ausführung  kam. 1824 begann der Neubau des jetzt quadratischen Turmes in gotischen Formen nach einem Entwurf des Regierungsrats Redtel. 1828 wurde er beendet. Leider wurde dabei, um das Schema eines Kathedralturmes durchzuführen, der Innenraum der Kirche durch zwei   große schräggestellte Strebepfeiler verunstaltet. Nachdem diese bereits Ende des 19. Jahrhunderts eine teilweise Erneuerung der Gewölbe vorgenommen worden war, gab 1904 ein Riss, der sich in denen des Langhauses zeigte, Veranlassung  zu ihrer Neuherstellung in der alten Weise. Im Anschluss daran wurden die Rundpfeiler darin wie die Rippen vom Putz befreit, die Tür zwischen Turm und Schiff durchgebrochen an der Nordseite des Turmes eine Treppe angebaut und im Innern der Kirche die Empore der Längsseiten schmaler gemacht, an der  Westseite die obere Orgelempore beseitigt, die Malereien an den Chorpfeilern wieder aufgedeckt. Im Jahre 1907 wurde schließlich das Obergeschoss der Marienkapelle im sinne des späten Mittelalters aufgebaut und mit einem Zeltdach abgeschlossen. An den inneren Leibesflächen der östlichen Pfeiler sind in den oberen Reihen die Schutzheiligen der Kirche Maria und Andreas zu erkennen. An den Chorwänden wurden 1905 in Augenhöhe die sieben alten Weihekreuze aufgedeckt. Die Malerei der Emporenbrüstung im Langhaus stammt aus dem Jahre 1905. Neu ist auch die Glasmalerei – Musterung in den sechs Chorfenstern.

 

Der frühere mittelalterliche Flügelaltar kam im Jahre 1875 nach Berlin in das Kunstgewerbemuseum. Im Schreine stehen auf einer Predella von 22 cm Höhe fünf 80 – 90 cm hohe Figuren von gekrönten weiblichen Heiligen. In der Mitte Maria mit dem Kinde, links St. Dorothea und St. Margaretha, rechts eine Heilige ohne Attribut und eine andere, in deren Hand anscheinend der Rest eines Rades zurückgeblieben und die daher wohl als St. Katharina zu deuten ist. Die Figuren sind fast vollrund aus Pappelholz geschnitzt und ganz vergoldet, nur die Fleischteile sind naturalistisch bemalt. Die Köpfe haben alle den gleichen Typ. Die Gesichter sind rund vollwangig mit stark vortretendem Kinn. Über den Figuren befindet sich eine aus fünf Bögen bestehende Baldachinarchitektur, deren Wimperge  mit blumenförmigen Krabben besetzt ist. Die Zwickel darüber sind mit kleinen gemalten Engeln gefüllt. Die Predella zeigt dreizehn Spuren von geschnitzten Brustbildern, ( jetzt eine Inschrift darüber), höchstwahrscheinlich Christi und die zwölf Apostel. Die Flügel sind nur einseitig in Tempera bemalt und zwar mit Standfiguren von männlichen Heiligen auf Goldgrund unter Baldachinen. Es stehen links: Jakobus d. Ä., Andreas und Paulus, rechts:Petrus, Johannes und Bartolomäus. Alle haben schöne edle Köpfe. Für die Gewänder wie auch die Baldachinen ist nur rot und grün verwendet. Der Schrein sowohl wie die Flügel sind bis jetzt noch unberührt von jeder Erneuerung. Der ruhige Fluss der Falten an den Gewandungen, die einfache Architektur der Wimperge, die Form der als Marken dienenden Majuskeln in der Predella sowie manche andere Züge lassen auf die zweite Hälfte des 14  Jahrhunderts als Entstehungszeit des Werkes schließen.

 

Der jetzige Altar ist ein modern-gotisches Werk des 19. Jahrhunderts. Er enthält  aber  das Gemälde seines im Jahre 1886 beseitigten Vorgängers  von 1779. Es stellt dar, wie Simeon voll dankbarer Freude über das Jesuskind zum Himmel aufblickt und ist von Rode (Berlin) gemalt. Es ist 2,24 m hoch und 1,44 m breit.

 

(Altarbild auf Leinwand aus der Sakristei oben am Kämpfer in genickten Spitzbogen geschlossen, Ölgemälde des niederländischen Schule? Die Geburt Christi darstellend bis zur Unkenntlichkeit nachgedunkelt)

 

Hölzerne Kanzel von 1709 barock reich geschnitzt polychroniert (polykroniert??) in weiß, hellblau und gold. Als Träger der Kanzel dient Moses mit den Gesetzestafeln. Die untere Korbfläche ist mit girlandentragenden Putten geschmückt. An der Kanzelbrüstung Christus und die Apostel in vollrunden Figuren, deren  Reihe sich an der Treppe und ihren oberen Podeste fortsetzt. Letzteres ist noch einmal durch eine einfache hölzerne Säule gestützt. Die Bekrönung des ebenso reich verzierten  Schalldeckels bildet eine Christusfigur mit Strahlenglorie.

 

Der Orgelprospekt in Rokokoformen währt augenscheinlich von der Umarbeitung der Orgel in den Jahren 1777/1778 her.

 

Die Emporenbrüstungen im Chor  sind in einfachen Renaissanceformen gestalten.

An einem Balken unterwärtz derselben an der Nordseite befindet sich die Inschrift in romanischen Majuskeln: „ VIRTUS SEMPER HABET COMITEM INVIDIAM – MISSSERRIMUS ILLE QUI NON HABET  OSORES  ANNO DOMINI  1594 (Der Erfolgreiche hat immer Neider. Zu bedauern ist der, der keine Neider hat. Jahr des Herrn 1594) Die Tüchtigkeit hat immer zum Begleiter den Neid. – Der Bedauernswerteste ist der, der keine Hasser hat. Im Jahre des Herrn 1594.

 

Grabstein  des Barthol Bredicow Senior († 1570) und seiner Gattin Margarethe Wusterhausen († 1575) im Innern auf der Südseite des Langchors, links neben der Sakristeitür; ferner der Elisabeth († 1583) des Joh. Prinus    († 1588) , des Joh. Sekundus († 1592) und der Margaretha Bredicow († 1598). Inmitten des Steines steht ein Engel, der die in flachem Relief gebildeten Wappen hält. Die Schrift besteht aus römischen Majuskeln.

 

Grabmal der Friederike Brandhorst, verehelichte Litzmann († 1781) im Innern an der Südseite des Langhauses. An der in einer Blendnische aufgerichteten Steintafel hängt ein  Draperin mit der Inschrift. Davor steht auf einem Postament eine Urne und neben dieser in den seitlichen Erweiterungen der Nische ein nackter Knabe mit Kranz und ein weinender Engel mit der gesenkten Fackel. Material Sandstein.

 

Großes Epitaph aus der Zeit  um1600  (nach Beckmann vom Jahre 1571) mit mehreren Gemälden auf Holz in architektonischer Umrahmung. Unten im Querformat: die Familie der Stifterin Anna Hans, Gattin des Stadtschreibers Andreas Nesen, zu beiden Seiten Christi, der als Sieger über den Tod segnend die Rechte erhebt. Das große wertvolle Mittelbild von quadratischer Form ist mit plastisch gemalten Kartuschenrahmen umgeben, der im Totenkopf , Löwenmaske und Rollwerk geziert ist. Im Vordergrunde links: Der Barmherzige Samariter, welcher dem von Räubern überfallenen Öl in die Wunden gießt; rechts Christi Unterredung mit einem jüdischen Priester. Darüber und perspektivisch weiter zurück folgt die Fortsetzung der Erzählung vom Samariter, wie er den Verwundeten auf sein Pferd gesetzt hat und in die Stadt führt. Diese bildet den Mittelgrund und ist anscheinend zum Teil eine treue Darstellung von Rathenow von Südwesten gesehen. Eine Fantasiestadt nebst Bergen und Flussläufen bildet den Hintergrund. Der obere Aufsatz des Epitaphs ist dreiteilig, der mittlere Teil mit einer steilen Giebelverdachung enthält eine Schrifttafel die beiden seitlichen zwei kleineren weiblichen  Figuren  Lucretia und Salome die Tochter der Herodias, mit dem Haupte des Johannes.

 

Gemälde auf Holz von 1610, eine Gruppe von Rathenowern als Zeugen bei der Taufe Christi darstellend in zierlichen Renaissancerahmen, bestehend aus zwei Säulchen auf Postamenten und Gebälkstücken darüber. Am Fries oben steht: Dies ist mein lieber Sohn: Der Rahmen ist bemalt.

 

Gemälde Luther in ganzer Figur neuere Kopie nach Luther Cranach, gemalt von W.  Pein 1841

 

Großes Gedächtnisbild in Ölmalerei am Ostende des südlichen Seitenschiffes, das Otto Joachim Anhalt (*29.06.1709 –11.10.1785) dargestellt, wie er von der Geduld in seinem Leiden unterstützt wird und die Hoffnung ihm die Freuden der Ewigkeit zeigt.

 

Am Ostende des nördlichen Seitenschiffes: Epitaphgemälde der Silvin  Gauvain (†1807) großer Engel mit Urne.

 

Auf der südlichen Empore: Ölgemälde (18.Jahrhundert) Verurteilung Jesu. Jedem der vielen Richter ist sein Urteilsspruch in plattdeutscher Sprache beigegeben.

 

Im Triumpfbogen die verwitterte Stadtfahne  vom Jahre 1689.

 

An der Nordseite des Langhauses befinden sich vier zu einer Gruppe vereinigten, aufrecht eingemauerte Grabsteine aus der Rokokozeit. Nach den Inschriften sind es von links nach rechts die der folgenden Personen: 1. Karl Joachim Bars, Kauf- und Handelsmann zu Rathenow (†1745), 2. Joachim Bars, vornehmer Bürger und Holzhändler zu Rathenow (†1740), Frau Dorothea, verehelichte Bars (†1741), 4. Frau Christina Elisabeth Ludewig, geb. Bars (†1745).

 

Glocken: Die große von 1,46 m Durchmesser ist 1858 von Hackenschmidt in Berlin umgegossen. (2008 kg)

Die zweite Glocke von 1,20 m Durchmesser mit dem Wappen von Rathenow, ist 1763 von C.D. Heintze gegossen. (1139 kg)

Die dritte Glocke von 1,05 m Durchmesser am Halse steht in gotischen Majuskeln:“ Ave Maria, O rex gloriae veni cum pace. Zwischen den Worten kleine Lilien als Trennungszeichen. Als Anfangszeichen ein kleines Kruzifix mit Maria und Johannes zur Seite; gegen 1400 (803 kg).

Die vierte Glocke von 0,62 m Durchmesser und 56 cm  Höhe hat Zuckerhutform. Die Öhre glatt rund, über dem Schlag eine Profillinie, am langen Felde mehrere unbeholfene und etliche figürliche Darstellungen in Linien, die in den Mantel geritzt waren: ein Kopf, ein Bischof, ein agens die, eine sitzende männliche Figur, (Christus), und eine stehende weiblich Figur (89 kg).

   lGerhard Liebrenz

 

Wir danken Gerhard  Liebrenz herzlich für die Überlassung der Aufzeichnungen seines Vaters Franz Liebrenz.

 

Copyright: Dr. Heinz-Walter Knackmuß, 25.05.2019